Introvertiert

Reflektiert, zurĂĽckgezogen und doch 
mutig.

Alleine ein Pub oder eine Party betreten, jemand Fremden anrufen, seine Meinung kundtun. Eine große Herausforderung. Und ein Grund, sich tagelang Gedanken zu machen, Mut zu sammeln. All dies und noch viel mehr sind typische Herausforderungen, die viele Introvertierte tagtäglich meistern und die zu inneren Auseinandersetzungen führen. Und für viele mögen diese kleinen alltäglichen Situationen nicht weltbewegend sein, für introvertierte Menschen gleichen sie aber einen Sprung ins Ungewisse. Es benötigt Mut, eine große Menge sogar. Und: Man darf wirklich stolz sein, wenn auch diese Situationen ohne Herzrasen, kalte Hände und tausend Selbstzweifel bewältigt werden.

Inhaltsverzeichnis

Meine kleine, innere Welt

Ganz oft ist die Welt um uns herum ziemlich laut, oftmals sehr hektisch und manchmal echt überwältigend. Introvertierte und auch sensible Menschen spüren den Stress, nehmen sich die Stimmung anderer Menschen zu Herzen und können in vielen Fällen kaum eine Grenze setzen. Alles vermischt sich und am Ende des Tages bleibt keine Energie mehr über. 

Und so kam es oft, dass je lauter die Welt um mich herum war, umso stiller wurde ich. Ich zog mich zurĂĽck, in meinen Kopf, in meine kleine, innere Welt. Dorthin, wo ich mich sicher fĂĽhlte. Ich begann zu schreiben, zu lesen und ging mit den Hunden in die Berge. Die Kraft, um zu telefonieren, endlos zu schreiben oder um sich Treffen auszumachen, war nicht gegeben, und es war mir in diesen Momenten nicht wichtig. Ich brauchte Zeit, nur fĂĽr mich.

Im Moment steht die Welt still. Alles ist anders. Doch die letzten Monate hatten – zumindest für mich – einen ganzen Rucksack guter Dinge parat. Ich befand mich im Homeoffice, sah nur meine engste Familie und hin und wieder meine besten Freunde bei einem Spaziergang in der Natur. Dort, wo ich mich wohlfühle; und nur von Menschen umgeben, die mich verstehen, wenn ich im Anschluss wieder etwas Raum brauche – zum Denken, Atmen und um zu verarbeiten. 2020 war ein Jahr, indem es möglich war, all den Reizen und Überflutungen auszuweichen; ganz ohne schlechtes Gewissen, jemanden dabei zu verletzen.

Introvertiert – Wie fühlt es sich an?

Es ist unendlich schwierig, alleine in eine neue Umgebung zu gehen – ein Pub zum Beispiel, auf eine Party oder zu einem Termin. Auch kostet es Überwindung, fremde Menschen anzurufen. Noch viel schlimmer, sein Gehalt zu verhandeln, Rechnungen auszusenden oder zu Dingen zu stehen, die einem zu Unrecht verrechnet wurden. All dies kostet Energie. Und Mut; unvorstellbar viel Mut. 

In den letzten Jahren dachte ich oft, ich bin nicht mutig. Die einfachsten Dinge fielen mir schwer, benötigten eine groĂźe Portion „ĂĽber seinen Schatten springen“. Und es war anstrengend, jeden Tag mutig zu sein. Und auf der anderen Hand fielen mir Dinge, wie alleine zu reisen, ein Haus zu kaufen oder Träume umzusetzen, sehr leicht. Ohne nachzudenken, ohne Angst zu haben. Es dauerte lange, bis ich verstand, dass ich den Mut besitze, mir nur viele alltägliche Situationen – vor allem jene, die mit anderen Menschen in Verbindung standen – sehr schwerfielen. Es war mir peinlich, zuzugeben, etwas fĂĽr mich zu brauchen. Denn wie sollte man es erklären?

Nach und nach aber beschloss ich, jeden Tag, jede Woche etwas mehr für mich einzustehen. Es half mir, mit meinen Freunden darüber zu sprechen. Und es half mir jeden ersten Sonntag im Monat Dinge zu erledigen, für die mir die Wochen zuvor der Mut gefehlt hat. 

Sind Introvertierte einsam?

Ein Abend allein, anstatt mit Freunden gemeinsam feiern gehen? Immer. Zugeben, dass man Zeit für sich braucht, anstatt sich zu treffen? Nicht so einfach. Das Telefonat auf morgen verschieben? Die Gehaltsverhandlung vielleicht auch erst nächstes Jahr in Angriff nehmen? Ein Gespräch tagelang reflektieren oder eine Nachricht tausendmal lesen und doch nicht absenden. Kenn ich.

Auch wenn Introvertierte öfters mal eine Pause vom Alltag benötigen, sind sie nicht einsam. Sie verbringen gerne Zeit alleine, um ihre Gedanken zu sortieren, den Fokus neu zu setzen. Und sie suchen sich gezielt aus, mit welchen Menschen sie sich treffen und wann es wieder Zeit ist, die Energiereserven aufzuladen.

Frei fĂĽhlen:
Wie Introvertierte Mut finden.

Laut Studien ist die Intro- bzw. Extrovertiertheit angeboren und eine stabile Eigenschaft, die unter anderem mit verschiedenen Reizverarbeitungen in unserem Gehirn einhergeht. Auch die Umgebung, in der wir aufwachsen und die Kultur, die wir leben, haben einen großen Einfluss auf die Ausprägung der Introvertiertheit.

Mit zunehmender Lebenserfahrung lernen Introvertierte, dass es nur darauf ankommt, welche Werte man selbst leben möchte. Und nach welchen Träumen man strebt. So wird man unabhängiger und die Meinung anderer rückt in den Hintergrund. Es ist der freie Wille, der introvertierte Menschen antreibt, ihnen die Kraft spendet, sich aus der Komfortzone zu bewegen. Denn: Liegt einem etwas am Herzen, so wird man sich öffnen.

Bei mir ist es das Reisen, die Freiheit und die Liebe für Abenteuer. Ich fühle mich wohl in einem fremden Land. Kann dort mit unbekannten Menschen sprechen, tanzen und mich frei fühlen. Ebenso in den Bergen. Und zuhause? Dort benötigt es manchmal ziemlich viel Mut; doch auch dieser schlummert tief in jedem von uns.

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